Arbeiten, arbeiten, arbeiten – und dann?

0

Die rund 50’000 Tamilen in der Schweiz gelten als mustergültige Migranten. Bald werden viele der Ex-Flüchtlinge pensioniert. Das führt für junge Tamilen zu Problemen mit ihren Eltern, wie ein Gespräch zwischen den Generationen zeigt.

Als in den 80er-Jahren die ersten Tamilen in die Schweiz kamen, stiessen sie auf offene Ablehnung. Die Boulevardpresse zeichnete das Bild der «Heroin-Tamilen in Lederjacken». Heute ist das nicht mehr vorstellbar. Ist das das Zeichen einer gelungenen Integration?


Laavanja Sinnadurai: In der Arbeitswelt sind die Tamilen gut integriert. Sie putzen, pflegen kranke und alte Menschen oder arbeiten in der Gastronomie und in Fabriken. Doch wie viele von ihnen haben auch privat Kontakt mit Schweizern? Wohl fast niemand.
Jeyakumar Thurairajah: Das Leben ist teuer. Man muss arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Auch weil wir unseren Kindern eine gute Zukunft ermög­lichen wollen, haben wir wenig Freizeit. Nur wer einen guten Job mit regel­mässigen Büroarbeitszeiten hat, kann sich auch abends engagieren. Ich zum Beispiel leite in St. Gallen einmal pro Woche eine Jugendriege.
Sinnadurai: Ich verstehe, dass viele müde sind vomArbeiten. Das beste Beispiel ist mein Vater: Neben seiner Arbeit als Pflegeassistent im Altersheim führt er mit meiner Mutter ein Putzinstitut. Zudem ist er als Dolmetscher tätig. Aber was man auch sagen muss: Die tamilische Diaspora feiert unglaublich viele Feste – Geburten, Pubertätsfeste, Hochzeiten oder religiöse Feste. Das Zusammensein ist sehr wichtig. Leider bleibt man so oft nur unter sich.
Thurairajah: Oft ist auch die Sprache ein grosses Hindernis.
Sinnadurai: Integration wird auch nicht von allen positiv verstanden. Für einige heisst das Loslösen von ihren eigenen Werten. Das bereitet ihnen Mühe.
Thurairajah: Wir wollen auch gar nicht alles vergessen und auf die Seite legen. Wir haben viele Werte mitgebracht. Zum Beispiel die Gastfreundschaft oder den Respekt vor älteren Menschen.
Sinnadurai: Der Respekt gegenüber älte­ren Personen ist für mich zentral. Ich finde es unglaublich, was die tamilischen Migranten in einem fremden Land wie in der Schweiz alles auf die Beine gestellt haben. Und das mit gebrochenem Deutsch, einer traurigen Vergangenheit, in der Einsamkeit. Die erste Generation verdient meine Hochachtung. Aber das heisst nicht, dass ich mich unterordnen muss. Ältere tamilische Menschen ­haben ihre Meinung. Hat ein junger Mensch eine andere Ansicht, wird das als Widerrede interpretiert. Man sollte doch Kompromisse finden im Generationenkonflikt. Ich habe Respekt, aber ich möchte nicht das Leben führen, das sich die älteren Leute für mich vorstellen. Gerade als junge Frau.

Ist es schwieriger, eine junge ­Tamilin zu sein als ein Tamile?
Sinnadurai: Junge Tamilinnen werden von ihren Familien viel stärker kontrolliert als Männer. Das hat damit zu tun, dass man die Frauen eher als Kultur­trägerinnen ansieht als die Männer. An den Frauen hängt die Ehre der Familie. Doch wenn es ums Heiraten geht, sind junge Männer genauso betroffen.

Das müssen Sie erklären.
Sinnadurai: Die ältere Generation sagt uns: «Integriert euch! Seid gut in der Schule. Lernt die Sprache und baut euch etwas auf!» Aber wenn es ums Heiraten geht, sollen wir zurück zur heimatlichen Kultur. Zum Beispiel zum Kastensystem. Gleichzeitig kann ich es verstehen, dass die hohe Schweizer Scheidungsrate den Tamilen Angst macht.

Wie präsent ist das Kastensystem, das die Gesellschaft in hierarchische Gruppen einteilt, heute noch?
Thurairajah: Ich merke nichts davon. Ich lebe das Kastensystem nicht und gebe es auch nicht an meine Kinder weiter. Das ist ein Vorteil der Schweiz.
Sinnadurai: Das Kastensystem gibt es leider noch. Ich bin jetzt 24 Jahre alt und ich habe Kolleginnen, die sich in einen Tamilen aus einer anderen Kaste verliebt haben. Dieses Familientheater! Wahnsinn. Familien sprechen nicht mehr miteinander, die Kinder müssen ausziehen und werden ausgeschlossen.

Sind die Tamilen der ersten ­Generation vor lauter Arbeit nicht dazugekommen, sich in die Gesell­schaft zu integrieren?
Thurairajah: Ich bin kein Fan solcher Urteile. Integration ist nie einseitig. Auch die Schweizer Bevölkerung muss ihren Teil dazu beitragen. Aber was man sicher sagen kann: Es werden immer mehr ältere Tamilen krank, die sich nicht um sich sorgten und die letzten 30 Jahre immer nur gearbeitet haben. Sie bezahlen nun den Preis für ihre einseitige Integration in den Arbeitsmarkt.

Was ist zu tun?
Thurairajah: Weil viele nicht gut Deutsch sprechen, braucht es Ärzte, die Tamilisch sprechen. Mit Kollegen vom Fach habe ich deshalb die Organisation Nalavalvu gegründet, die junge tamilischstämmige Ärzte und Pflegerinnen und Pfleger miteinander vernetzt.
Sinnadurai: In zehn Jahren gibt es sehr viele pensionierte Tamilen. Damit kommt auf uns, die zweite Generation, eine Herausforderung zu. Aufgrund unserer beruflichen Situation werden viele der zweiten Generation die Eltern nicht bei sich aufnehmen können und wollen.
Thurairajah: Aus der Sicht der älteren Generation sage ich: Wir haben hier für die Jungen den Weg gebaut. Deshalb ­haben wir auch eine respektvolle Ruhestandbegleitung verdient.
Sinnadurai: Wir stehen vor einem riesigen Dilemma: Wie gehen wir mit der Erwartungshaltung unserer Eltern um, denen wir so viel verdanken? Ist das Altersheim tabu? Ich weiss nicht, ob mein Vater, der so lange als Pfleger im Altersheim gearbeitet hat, dort leben möchte. Nach Sri Lanka zurückgehen, das kommt für meine Eltern auch nicht infrage. Sie wollen bei uns Kindern sein.
Thurairajah: Auch ich arbeite im Altersheim. Dort sehe ich Menschen, die wegen ihrer Demenz nur noch in der Vergangenheit leben. Sie sprechen die Sprache ihrer Jugend und haben nur noch das Essen von damals gern. Wenn das mit unseren Leuten passiert, mache ich mir grosse Sorgen.

Warum?
Thurairajah: Ich befürchte, dass die Vergangenheit zurückkommt. Viele haben im Krieg und auf der Flucht Schreckliches erlebt. Wer viel arbeitet, kann nicht so viel nachdenken. Auch ich bin froh, dass ich noch nie Zeit hatte, meine Anfangszeit in der Schweiz zu analy­sieren. Ich war krank. Auch meinen Kindern erzähle ich nicht alle Geschichten – das halte ich selber nicht aus.

Kennen Sie von Ihrer Familie solche Kriegsgeschichten?
Sinnadurai: Neben meinem Jus­studium arbeite ich in einer Anwaltskanzlei, die viele tamilische Klienten hat. Wenn junge Tamilinnen erzählen, wie sie misshandelt wurden, muss ich das übersetzen, Wort für Wort. Ich denke dann immer: Das hätte auch ich sein können. Wenn ich da innerlich nicht Distanz halte, gehe ich kaputt.
Thurairajah: Mir geht es ähnlich. Wenn ich für Folteropfer als Übersetzer arbeite, brauche ich immer wieder Pausen, frische Luft. Es zerreisst mich hier drin (zeigt auf seine Brust).

Der Krieg ist zwar zu Ende, aber er ist noch präsent, auch hier in der Schweiz. Wie gehen Sie damit um?
Sinnadurai: Mit der Arbeit beim Rechtsanwalt kann ich etwas für die Tamilen tun, die hier sind. Zudem helfe ich den tamilischen Asylgesuchstellern, die in der letzten Zeit einen positiven Entscheid erhalten haben, bei der Integration. Das ist meine Art, der ersten Generation, die so viel getan hat, etwas zurückzugeben. Sich als junge, hier geborene Tamilin politisch zu engagieren, ist kompliziert. Denn auch die tamilische Diaspora hat keine einheitliche Meinung. Darf man über die Tamil Tigers sprechen oder nicht? Das ist unklar.
Thurairajah: Ich möchte eines klarstellen: Alle Tamilen wollen Frieden. Niemand will Krieg. Ich versuche, mit den Singhalesen, die hier in der Schweiz ­leben, einen Dialog zu führen. Das geht, weil die meisten Singhalesen, die hier sind, selber aus Sri Lanka fliehen mussten – weil sie sich für die Tamilen eingesetzt hatten. Zudem möchte ich hier etwas für die Diaspora tun. Dazu gehört die Arbeit für das Gesundheitsnetzwerk: Wir geben ein Gesundheitsmagazin heraus, arbeiten bei Gesundheitsprojekten mit und vermitteln Dolmetscher.

Sie arbeiten zwischen den Welten.
Sinnadurai: Diese Brückenfunktion als Tamilin, die in der Schweiz geboren ist, tönt gut, ist aber schwierig. Ich werde ja auch von der anderen Seite beansprucht. Kürzlich hielt ich für den Gesundheitsdienst der Stadt Bern ein Referat. Schon nach der zweiten Folie begannen die Fragen: «Wie funktioniert eine tamilische Familie? Wir kommen nicht an sie heran. Werden die Kinder noch geschlagen?» Und so weiter. Nicht alle Secondos haben Lust, diese Rolle zu spielen.

Kennen Sie solche Probleme auch?
Thurairajah: Mich beschäftigen andere Dinge. Ich finde es traurig, dass sich die erste und die zweite Generation der ­Tamilen hier entfremden. Die Eltern ­haben keine Zeit, den Kindern Liebe und das kulturelle Erbe mitzugeben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.10.2014, 06:49 Uhr)

Probleme auf den zweiten Blick

Die ersten Tamilen kamen in den 80er-Jahren auf der Flucht vor dem sri-lankischen Bürgerkrieg in die Schweiz. Heute leben rund 50’000 Menschen sri-lankischer Herkunft in der Schweiz, 90 bis 95 Prozent sind Tamilen. Gut die Hälfte von ihnen sind Schweizer Bürger, 14’000 haben eine Niederlassungsbewilligung.

Wegen ihrer fleissigen und angepassten Art in der Schule und am Arbeitsplatz gelten die Tamilen als vorbildlich integriert. Erst auf den zweiten Blick werden Integrationsprobleme sichtbar. Eine Studie von Statistik Stadt Zürich zeigt etwa, dass sich Tamilen von Schweizern punkto Einkommen, Wohn­umfeld und Geburtenrate sehr unterscheiden. Nur Iraker und Somalier leben noch stärker anders als die einheimische Bevölkerung. Eine Studie des Bundesamts für Migration (BFM) bezeichnet die gesellschaftliche und kulturelle Einbindung der Tamilen als «begrenzt». Die Tamilen sind mehrheitlich hinduistischen Glaubens.

Auch seit dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs 2009 beantragen Menschen aus Sri Lanka noch Asyl in der Schweiz. Als Tamilen würden sie weiterhin verfolgt, machen sie geltend. Rund 1800 Personen befinden sich zurzeit im Asylverfahren. Im Sommer 2013 wurden zwei Männer, die von den Schweizer Behörden ausgewiesen worden waren, bei ihrer Ankunft in Sri Lanka wegen an­geblicher Aktivitäten für die Rebellen­organisation der Tamil Tigers verhaftet. Nach Kritik des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge hat das BFM seine Asyl- und Wegweisungspraxis für Siri Lanka nun angepasst. 244 Personen, ­deren Asylgesuche bereits rechtskräftig abgelehnt worden waren, konnten einen neuen Antrag stellen. Diese Gesuche werden nach Angaben des BFM zurzeit behandelt. (bua)

Anlässlich des 25-Jahre-Jubiläums der Gesellschaft für bedrohte Völker Schweiz findet am 8. November 2014 eine Podiumsdiskussion «Sri Lanka: 1 Krieg – 2 Generationen» statt (16 – 18 Uhr, Hotel National, Bern). (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Arbeiten-arbeiten-arbeiten–und-dann-/story/22218491

Share.

Comments are closed.