Die Mörder von Indiens früherem Premier Rajiv Gandhi sollen am Galgen sterben, jetzt bittet die Tochter eines Attentäters um Gnade. In einem anrührenden Brief an Gandhis Witwe Sonia beschreibt die 19-Jährige, wie viel ihr Vater ihr bedeutet - sie selbst wurde seinerzeit im Gefängnis geboren.
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784018,00.html
Es ist der dramatische Versuch einer jungen Frau, das Leben ihres Vaters zu retten: Die 19-jährige Haritha hat an die indische Politikerin Sonia Gandhi geschrieben, damit ihr zum Tode verurteilter Vater begnadigt wird. Sonia Ghandi ist Präsidentin der regierenden Kongresspartei - und Witwe des indischen Ex-Premiers Rajiv Gandhi, der bei einem Attentat ums Leben kam. An dem Attentat soll Harithas Vater Murugan beteiligt gewesen sein. Darum soll er nun am Galgen sterben.
"Ich bin davon überzeugt, dass mein Vater unschuldig ist", schreibt Haritha in dem Brief an Sonia Gandhi, den sie auch an die indische Nachrichtenagentur PTI schickte. "Ich habe bald 20 Jahre ohne meine Eltern gelebt. Es ist ein Schmerz, den ich niemandem wünsche. Ich hoffe, Sie verstehen meine Gefühle. Mein Vater bedeutet mir sehr viel."
Rajiv Gandhi, bis 1989 indischer Regierungschef, starb im Mai 1991 während einer Wahlkampftour im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu: Eine Frau ging auf ihn zu, bückte sich vor ihm, um zum Gruß seine Füße zu berühren. In diesem Moment zündete sie ihren Sprengstoffgürtel. Der Mord gilt als Racheakt der Rebellenbewegung "Befreiungstiger von Tamil Eelam", kurz: LTTE, für das Entsenden indischer Truppen nach Sri Lanka. Der Mord erschütterte das politische Indien nachhaltig.
Zweifel an der Schuld der Verurteilten
Mehrere Menschen, darunter Murugan und dessen Frau Nalini, beide aus Sri Lanka, wurden nach dem Anschlag verhaftet und 1998 gemeinsam mit zwei weiteren Männern zum Tode verurteilt. Nalinis Urteil wurde drei Jahre später in lebenslange Haft umgewandelt. Die drei Männer aber sollen hingerichtet werden.
An der Schuld der Verurteilten bestehen jedoch Zweifel. Der frühere indische Justizminister Ram Jethmalani bemüht sich seit Jahren um eine Umwandlung des Todesurteils. Die Männer bestreiten unter anderem den Vorwurf, die Batterie zum Zünden des Sprengsatzes geliefert zu haben. Sie wurden nach einem Anti-Terror-Gesetz verurteilt, das wegen häufigen Missbrauchs später außer Kraft gesetzt wurde. Ihr Anwalt beklagt, das Urteil beruhe weitgehend auf Geständnissen, die von der Polizei erzwungen wurden.
"Es wäre wundervoll, wenn Sie [meinem Vater] helfen könnten. Ich werde Ihnen ewig dankbar sein", schreibt Haritha deshalb. Die junge Frau, die im schottischen Glasgow Medizin studiert, wurde 1992 im Gefängnis geboren. Kurze Zeit später kam sie zu ihren Großeltern väterlicherseits nach Sri Lanka. Ihre Eltern hat sie nur ein einziges Mal gesehen: 2005, als sie zwölf Jahre alt war.
"Ich hatte das Pech, in einem Gefängnis zur Welt zu kommen und ohne die Sorge, Zuneigung und Wärme meiner Eltern aufzuwachsen", heißt es in Harithas Brief weiter. Die Kinder des ermordeten Politikers wüssten, was es bedeute, ohne Vater aufzuwachen, appelliert sie an Sonia Gandhi.
Aufschub der Hinrichtung um acht Wochen
Haritha gab dem tamilischen Dienst der BBC in der vergangenen Woche ein Interview, in dem sie ihr Leben beschrieb. Sie arbeite "sehr hart für ihr Studium", weil sie glaube, dass das ihre Eltern glücklich mache, erklärte sie. Die Beziehung zu ihren Eltern basiere auf einem kontinuierlichen Briefwechsel. "Ich würde mich verloren fühlen, wenn ich keine Briefe mehr von ihnen bekomme." Nach dem Interview war Haritha zusammengebrochen und musste in einem Krankenhaus in Glasgow behandelt werden.
Zu jenem Zeitpunkt musste Haritha noch davon ausgehen, dass ihr Vater und die beiden anderen Verurteilten am 9. September sterben würden - jenem Datum, das als Hinrichtungstermin angesetzt worden war, nachdem Indiens Präsidentin Pratibha Patil ein Gnadengesuch der Männer abgelehnt hatte. Die Männer hatten den Antrag elf Jahre zuvor gestellt. Indiens Regierung brauchte sechs Jahre, um eine Ablehnung zu empfehlen. Fünf weitere Jahre lag das Gesuch im Präsidentenpalast.
Doch jetzt hat Haritha wieder Hoffnung: Am Dienstag gewährte ein Gericht in der südindischen Stadt Chennai überraschend einen Vollstreckungsaufschub um acht Wochen. Zudem hat das Parlament von Tamil Nadu eine Resolution beschlossen, in der es die Staatspräsidentin bittet, die Ablehnung des Gnadengesuchs noch einmal zu überdenken. Die Regierungschefin des Bundesstaates Tamil Nadu, Jayalalithaa, erklärte, es stünde rechtlich nicht in ihrer Macht, das Todesurteil in eine Haftstrafe umzuwandeln.
Eine Antwort von Sonia Gandhi steht aus. Die indische Regierung hat lediglich verlautbaren lassen, man warte vorerst ab, wie Präsidentin Patil reagiere.
"Befreien Sie uns von diesem Trauma"
Haritha möchte nun unbedingt nach Indien reisen, um ihren Vater zu sehen. Sie sagt, sie habe ein Visum beantragt, woraufhin ihr die indische Botschaft in London mitgeteilt habe, bis zur Ausstellung werde es mindestens 15 Tage dauern. Man werde sich bei ihr melden.
"Fast 20 Jahre Gefängnis, und das in der Todeszelle und in Einzelhaft, haben meiner Familie fast alles genommen", schreibt Haritha. "Alles, was wir haben, ist das Leben in unseren Körpern und die Hoffnung in unseren Herzen. Befreien Sie uns aus diesem Trauma und aus dieser Angst." Selbst wenn ihr Vater nicht aus der Haft entlassen werde, so solle er doch nicht hingerichtet werden.
Sollte der indische Staat Murugan und seine beiden Mitverurteilten töten, wäre es die erste Vollstreckung eines Todesurteils in dem Land seit Jahren. Zuletzt wurde 2004 in Kolkata ein Wachmann gehenkt, der ein Mädchen vergewaltigt und umgebracht hatte.